„ Keinem bleibt seine Gestalt “

Autor: Brigitta Bali

Zeitung: 2015/2

Rubriken: Germanistik, Kultur

In diesem Jahr bekamen wir wieder die Möglichkeit – mit Hilfe des Lehrstuhls für Österreichische Literatur und Kultur, der Österreichischen Bibliothek und des Österreichischen Kulturforums Budapest –, uns im Rahmen der Veranstaltung Ungarn liest Österreich in die österreichische Literatur einzulesen. Es handelt sich dabei um ein sich jährlich wiederholendes Event, in dessen Fokus zeitgenössische österreichische Literatur und ihre ungarischen Leserinnen und Leser stehen.

Am 9. November 2015 wurden im Grand Café die zwei neuesten Bände der Österreich- Studien Szeged präsentiert. Der eine beschäftigt sich mit Bis zum Ende der Welt. Ein Symposium zum Werk von Christoph Ransmayr.[1] Die  Studien zum Symposium wurden von Dr. habil. Attila Bombitz, Leiter des Lehrstuhls für Österreichische Literatur und Kultur an der Universität Szeged, in einen Band geordnet und das bisherige Lebenswerk von Ransmayr aus zahlreichen Perspektiven untersucht. Der andere behandelt die Figuren und Figurenkonstellationen in Kafkas Erzähltheater. Dr. Csilla Mihály, Oberassistentin am Lehrstuhl für Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Szeged, beschäftigt sich in ihrer Dissertation mit den Verständnisproblemen der narrativen Texte von Kafka.

Die zwei neuen Bände wurden von Dr. Edit Kovács von der Károli Gáspár Károli Reformierten Universität (Budapest) zusammen mit Dr. Csilla Mihály und Dr. habil. Attila Bombitz vorgestellt. Über die Bücher wurde auf Ungarisch diskutiert.

Als Einleitung des Abends konnte das Publikum einen Ausschnitt aus dem  Animationsfilm Die letzte Welt (Reg.: Konradin Kunze), inspiriert vom Roman Die letzte Welt von Christoph Ransmayr, anschauen. In der Szene „sucht der junge Römer Cotta am Rande des Imperiums nach dem verbannten Dichter Naso und dessen Werk, den „Metamorphoses“. Während der Suche nach der Metamorphose wird ihm stumm, aber umso einprägsamer Folgendes bewusst gemacht: „Keinem bleibt seine Gestalt.“

In der eisernen Stadt Tomi stößt er auf misstrauische Bewohner, immer rätselhaftere Botschaften und unheimliche Verwandlungen, bis er sich selbst in dieser „letzten Welt“ zu verlieren scheint.”[2]

Nach dem Animationsfilm begann der Abend mit dem Willkommensgruß von Ágnes Erdélyi, der Gründerin und Leiterin des Grand Cafés. In ihrer Begrüßung erzählte sie von der Wichtigkeit des Ortes und sie meinte, dass dieses Café als „Außendienststelle“ der Geisteswissenschaftlichen Fakultät fungiert.

Am Beginn des Gesprächs erzählte Herr Bombitz über die Beziehung zwischen dem in Wien ansässigen Verlag Praesens und dem Lehrstuhl für Österreichische Literatur und Kultur und die internationalen Erfolge der Bücherreihe Österreich-Studien Szeged.  Zu ersten Veröffentlichung kam es 2007 und ein langer Weg führte so weit, dass die Bände der Österreich-Studien heute schon in allen österreichischen Bibliotheken erreichbar sind und es werden regelmäßig Rezensionen darüber verfasst und Buchpräsentationen im Wiener Literaturhaus  veranstaltet. Die Exemplare werden auf Nachfrage der Leser gedruckt.

Im Weiteren berichtete Frau Edit Kovács von ihren Erfahrungen über das Buch von Frau Csilla Mihály. Sie hob hervor, wie gründlich, präzise und ausführlich dieses Buch ausgearbeitet wurde. Frau Mihálys Standpunkt sei, Erklärungen außer Acht zu lassen, die auf Fragestellungen außerhalb der Literatur basieren. Die Autorin habe sich in erster Linie auf die Analyse der Figuren und deren Motivationen konzentriert. Die drei Grundgedanken, die Frau Mihály ausarbeitete, seien: 1. Gestaltveränderung der Figuren; 2. Die Dynamisierung der Figuren; 3. Die Figuren sind keine selbständigen Personen, sondern sie sind durch die unterdrückten Begierden der Hauptfigur bewegt.

Frau Mihály stimmte diesen Feststellungen zu. Sie erzählte darüber, dass sie früher wegen ihrer Tiefgründigkeit kritisiert worden sei. Bei der Analyse eines Werkes existiere nur der Text und wenn man die Ereignisse im Text versteht, dann könne man vom Text abstrahieren. Die eigentlich ganz alltäglichen Helden schweben zwischen Leben und Tod. Sie möchten sterben, aber es gelingt ihnen nicht. Das Schicksal der Figuren wird durch das Leben  überschrieben. Das Leben handelt vom Tod und man muss sich dagegen wehren.

Im zweiten Teil des Gesprächs sprach Herr Bombitz darüber, dass die Wirkung von Ransmayr auf die Literatur des 21. Jahrhunderts ähnlich sei, wie es früher bezogen auf Kafka der Fall war. In seinen Werken schaffe Ransmayr auch eine eigene Welt und Sprache. Der Leser bekomme die Möglichkeit, über das Schicksal der Figuren zu bestimmen.

Herr Bombitz erwähnte, dass das erste internationale Symposium in Szeged zum Werk von Christoph Ransmayr mit dem Titel Bis zum Ende der Welt veranstaltet wurde. Das nächste wird Mitte Juni 2016 in Dublin veranstaltet. Er verwies ferner darauf, dass sich das Lesepublikum im Jahr 2016 vielleicht auf ein neues Buch von Ransmayr freuen kann.

Der Abend wurde mit einer Besonderheit abgeschlossen. Im Anschluss an die einstündige Diskussion wurde der deutschsprachige Film Das Schloss (ein Fernsehfilm aus dem Jahr 1997, Reg.: Michael Haneke), der auf dem gleichnamigen Roman von Franz Kafka basiert, und bisher in Kinos nicht zu sehen war.

 

/Brigitta Bali/

 

Über frühere Ungarn liest Österreich-Veranstaltungen bei GeMa siehe z. B. auch: http://www.gema.hu/2013/12/ein-stuck-horvath-improvisation/ http://www.gema.hu/2014/05/bis-zum-ende-der-welt/

http://www.gema.hu/2014/11/glavinic-code/

 

[1] Im GeMa wurde über das internationale Symposium im Jahre 2014 von Benedek Béres berichtet. (http://www.gema.hu/2014/05/bis-zum-ende-der-welt/)

[2] Link zum Animationsfilm: http://dieletztewelt.wordpress.com/information/