„Lesungen und ihre Orte”

Autor: Erika Banok

Zeitung: 2014/1

Rubriken: Germanistik, Gesellschaft, Kultur

Kann man sich vorstellen, eine Lesung auf einem Schiff zu besuchen oder in einem Kunstsalon zu organisieren? Wo und wie wurden die Vorträge um 1900 gehalten? Welche Ziele sind heute bei der Organisation der Lesungen in Literaturfestivals berücksichtigt? Auf diese Fragen hat Frau Dr. Sandra Rühr, die akademische Rätin am Lehrstuhl für Buchwissenschaft an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg ist, in ihrem Gastvortrag ausführliche Antworten gegeben.

Mit dem Titel „Lesungen und ihre Orte” hielt Dr. Sandra Rühr am 06. Mai 2014 einen spannenden Vortrag. Sie beschäftigt sich seit zwei Jahren mit der Untersuchung der Lesungen und des Leseevents und diskutiert mit Kulturwissenschaftlern über die Wirkungen der modernen Medien.

sandra ruehr beim vortrag

Frau Rühr begann ihren Vortrag mit der Darstellung eines Standbilds, dann zeigte sie einen ironischen und lustigen Filmausschnitt aus der Filmkomödie Pappa ante Portas von Loriot, der eine Vortragssituation veranschaulichte. Mit Hilfe dieses Filmausschnittes stellte Frau Rühr die typischen Merkmale der Lesungen dar: ihre Orte, die Art und das Publikum. Ein Schauspieler oder der Autor selbst können Werke vorlesen. Heutzutage sind „Wasserglas-Lesungen” noch immer typisch: Auf dem Tisch sind im Allgemeinen das Manuskript und ein Glas Wasser, vielleicht weitere Bücher zu sehen und es wird keine Musik gespielt. Der Autor kann gefragt werden, so zum Beispiel über das Thema des Vortrags. Die Lesungen haben auch eine ökonomische Funktion. Wegen der Vermarktungsstrategie können öffentliche Vorträge auch gehalten werden, um Leser zu gewinnen.

Im Mittelpunkt des Vortrags standen die Lesungen um 1900 am Beispiel von Karl Kraus und heute bei den Literaturfestivals. Karl Kraus ist in erster Linie ein Schriftsteller und bekannt für seine Lesungen, die an außergewöhnlichen Orten stattgefunden haben, wie im Kunstsalon, in Festsälen, in Kultur- oder Konzerthäusern. Die gemütlichen, hellen und freundlichen Orte dienten dazu, neue Formen der Vergemeinschaftung zu entwickeln. Kraus‘ Ziel war, die gesellschaftlichen Grenzen zu überschreiten. Die Lesungen wurden ohne Beschränkungen organisiert, d.h. sie waren auch für Studenten zugänglich. Kraus hielt seinen ersten Vortrag 1910 im Dunkeln, weil er auf seine Zuhörer so besser einwirken konnte. Besonders interessant ist, dass er nicht gern in der Nähe der Zuhörer gesessen und manchmal aus Werken anderer Autoren vorgelesen hat. Dabei sollte man sich heute überlegen, wie es wohl in einem riesigen Raum ohne jede elektronische Ausstattung, ohne Mikrofon, ohne Lautsprecher auf ein großes Publikum gewirkt haben mag.

sandra ruehr_publikum2

In dieser Zeit war das Ziel dieser Veranstaltungen, die gemeinsamen Interessen zur Kultur zu teilen, aber heute ist es z. T. anders. Die Gesellschaft von heute nennt man Erlebnisgesellschaft, d. h. die kulturellen Veranstaltungen werden mit dem Ziel organisiert, schöne Erlebnisse zu erfahren. Die Literaturevents bieten heutzutage geplante, einzigartige Programme an und die kommerziellen Erfolge spielen auch eine wichtige Rolle. Die 14. Lit.COLOGNE wurde als Beispiel für ein Literaturfestival genannt, die ein mehrtägiges Ereignis im Bereich der Literatur ist. Ihr Inhalt ist heterogen, um die Interessen aller potenziellen Besucher zu bedienen: von der klassischen Literatur bis zu politischen Themen finden Programme statt. Die 14. Lit.COLOGNE folgte dem Aspekt der Internationalität mit dem Ziel, die nationalen Barrieren aufzulösen. Außerdem fördert sie die variable Kulturvermittlung.

Schließlich wurden sechs Beispiele mit Fotos gezeigt, die die neuen Formen der Lesungen präsentierten, wie zum Beispiel auf einem Schiff, in der Kölner Lanxess Arena und im Pfandhaus (einer Veranstaltungsstätte für Konzerte, Kunst und Kultur). Sie stellten verschiedene Formen des Erlebnisses dar: Man kann in greifbarer Nähe des Autors sein oder auf einer großen Leinwand den Vortrag sehen.

Die Lesungen fanden nicht nur um 1900, sondern auch heute an ungewöhnlichen Orten statt. Aus Frau Rührs Vortrag ging auch hervor, dass heute sowohl die typischen Wasserglas-Lesungen als auch die vielfältigen und speziellen literarischen Veranstaltungen beliebt sind.

 

/Erika Banok/

Bildquelle (Beitragsbild): tseeling.blogspot.com