Poetry Slam: Neugeburt der Dichtung

Autor: Gergő Kovács

Zeitung: 2013/2

Rubriken: Freizeit, Kultur, Studiosi

Das Café ist voll von jungen Leuten, die sich für Literatur interessieren. Es riecht nach Lyrik und Bier. Hinter Metaphern stecken tiefe Gedanken, in den Gesichtern spielt die Vernunft mit den Emotionen. Etwas fast Ausgestorbenes ist an einem langen, dunklen Abend wiedergeboren.

Es geht um Poetry Slam, eine neue Art Dichtung oder besser gesagt, die tatsächlich seit 1984 existierende Gattung, die aus dem Verfassen und Vortragen von Gedichten besteht. Am Anfang war es einfach ein trockenes Vorlesen, später nahm die Rolle der Vorführung als „Performance” zu. Poetry Slam verbreitete sich sowohl in Deutschland als auch in Ungarn, in beiden Ländern wird jedes Jahr sogar ein offizieller Wettbewerb für Slammer organisiert. Was die Texte selbst betrifft, die sind meistens ganz einfach aufgebaut, Reime – oder eventuell formale Anforderungen – kann man vergessen. Die Themen sind so bunt und verschieden, dass das Publikum sich nie langweilt.

Und warum hier von einer Neugeburt die Rede ist? Die früheren Phasen der Literaturgeschichte bieten ähnliche Formen, so zum Beispiel existierte die Lyrik im Mittelalter im Vortrag, die Texte wurden rezitiert oder später auch vorgelesen, die akustische und visuelle Rezeption, also die Darbietung war von Bedeutung. Durch die Verbreitung der Schriftlichkeit verlagerte sich die Verbreitung der Texte auf dieses neue Medium, die herkömmlichen Inhalte erfreuten sich jedoch wegen der gesellschaftlichen und geschichtlichen Veränderungen nicht mehr so großer Beliebtheit. Lyrik kam aufs Papier und wurde still für sich gelesen. Eine angenehme Abwechslung fand man in den Literatursalons des 19. Jahrhunderts, wo gern auch wieder mal vorgelesen oder vorgetragen wurde, bis die Lyrik im 20.  Jahrhundert, besonders in der zweiten Hälfte, ideologisch bedingt wieder eine Art öffentliche Performance erlebte.

Durch die Geburt der neuen Art Dichtung, durch Poetry Slam werden viele Menschen angesprochen, Literatur wird für viele in besonderer Form zugänglich. Texte sind immer aktueller und deshalb interessanter, die sprachliche Realisierung immer alltäglicher geworden. Heutzutage sind die Vertreter – die Slammer – im Allgemeinen ganz jung. In Deutschland produzieren manchmal auch SchülerInnen eine große künstlerische Leistung, wie zum Beispiel die Berliner Robin Isenberg und Josefine Berkholz. Zuletzt haben sie einen kurzen Film gedreht, in dem sie ein Werk über Berlin, bzw. den Prenzlauer Berg gemeinsam vortragen. Außer der Beschreibung der Umgebung ist es ein Ausdruck der Liebe zur Stadt, eine feine Kritik, eine Sehnsucht nach den alten Zeiten. Diese Zeit ist eigentlich die Zeit des Mauerfalls als wilder Beginn: Sie denken, dass die Stadt damals noch rein, echt und real war, die heute herrschenden Phänomene wie „Schminke” und „Make-Up” sind aber total künstlich. Das alles wird durch Kleinigkeiten, einfache Gegenstände, natürliche und alltägliche Erscheinungen ins Leben gerufen. Das pure, lebendige Ergebnis berührt die Zuschauer.

Márton Simon

Poetry Slam in Cooltour Café am 29.10. 2013

Obwohl diese beliebte Literaturverwirklichung in Deutschland größere Bekanntheit hat, sind die ungarischen Slam Poeten ebenfalls großartig und immer populärer. Márton Simon (auf dem Bild) oder Péter Závada sind Namen, die man in gegenwärtigen poetischen Kreisen bestimmt schon kennt – sie halten regelmäßig Slam-Abende in Szeged. Es lohnt sich, Lokale wie das Rongy Kocsma oder Cooltour Café öfter zu besuchen, wenn man neugierig auf die Stimmung der neugeborenen Dichtkunst ist. (Aktuelle Infos auf der Facebookseite „Slampoetry Szeged”.) Manchmal – wie auch auf dem Photo – werden diese Dichtungen vorgelesen und daneben auch mit softer Musik (in diesem Fall mit Gitarre und Trompete) ergänzt, was eigentlich die Harmonie der prosaischen Texte und leiser Melodien betont. Ein solcher Abend beginnt mit einem Bier und endet vielleicht mit einem interessanten Gespräch mit einem Slammer, aber dazwischen geschieht etwas noch Schöneres: Worte, die den Mund des Vorlesers verlassen, versammeln sich unwillkürlich im Kopf des Zuhörers. Einige verschwinden, einige bleiben aber und rufen eine ganze Reihe von Gedanken hervor. Gehirn und Seele arbeiten dann zusammen, was eine der besten Sachen der Welt ist.

Weitere Infos:

(Das Video ist hier [www.steppefilm.com/prenzlauer-berg] erreichbar, deutsche [http://www.think-beta-isenberg.de/] und ungarische [http://www.simonmarton.wordpress.com/] Slamtexte könnt ihr hier lesen. Viel Spaß!)

/Gergő Kovács/

Foto: Krisztina Bencsik

Quelle des Beitragsbildes: slampoetry.hu